Ausgelöst durch die Produktplanungen der großen Hersteller von Lokal- und Verbundsystemen beschäftigen sich derzeit landauf, landab deren Kunden in Konferenzen und AG’s mit der wolkigen Zukunft.

Bereits im März gab es eine Konferenz des GBV zu diesem Themenkomplex:

http://www.gbv.de/Termine/2012/gbv-workshop-die-zukunft-der-lokalen-bibliothekssysteme

Hier ist speziell die Übersichts-Präsentation von Kirstin Kemner-Heek interessant, u.a. mit den Optionen ‚Kommerzielle Systeme‘ vs. ‚Open Source Systeme‘.

Einen umfassenderen Überblick unter Einbeziehung auch der derzeit existierenden Nicht-Cloud-Systeme bietet ihr Band 64 aus den Kölner Arbeitspapieren zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft: Konzeption und Angebot zukünftiger Bibliotheksmanagementsysteme: Bestandsaufnahme und Analyse

http://www.fbi.fh-koeln.de/institut/papers/kabi/volltexte/band064.pdf

Daneben gibt es auf der GBV-Workshopseite verschiedene Firmen-Vortragsfolien aus beiden Lagern, die die jeweiligen Cloud-Strategien sehr gut illustrieren.

Und schließlich lohnt auch ein Blick auf die Vortragsfolien von Herrn Diedrichs ‚Lokalsysteme in der Cloud – Architektur der nächsten Generation‚ vom 101. Bibliothekartag

http://www.opus-bayern.de/bib-info/volltexte//2012/1227/

sowie Herrn Scheuerls ‚Die Zukunft der Lokalsysteme in der Verbundumgebung

http://sv.ub.uni-bayreuth.de/ssv/AG/SAT/sat_20120522/Scheuerl_Zukunft_Lokalsysteme_20120522.pdf

Es wird Zeit, dass sich Bibliotheken und Verbünde klar in der zentralen Frage positionieren:

Ist ein Cloud-System – egal welchen Anbieters – im Interesse von
Bibliotheken und Verbünden? Ist die derzeitige Entwicklung dahin tatsächlich so gewollt?

Lesenswerte kritische Stimmen, die den Cloud-Hype hinterfragen, gibt es bereits hier und da:

http://jakoblog.de/2012/03/27/wer-cloud-sagt-muss-auch-bullshit-sagen/

Es ist nachvollziehbar, dass die Hersteller die Entwicklung ihrer jeweiligen Systeme vereinheitlichen, zentralisieren und letztlich unnötige Kosten in Parallelentwicklungen (und Sonderanpassungen für die Bibliotheken ) einsparen möchten. In Bezug auf die vorhandenen Funktionalitäten wird dabei gerne von ‚entschlacken‘ gesprochen.

Insofern profitieren die Anbieter zuallererst selbst von einer Cloud-Lösung – wo aber Bibliotheken, Verbünde und deren Nutzer ihren konkreten Mehrwert gegenüber den bestehenden Lösungen ziehen, muss thematisiert und klarer dargestellt werden.

Gleiches gilt für ihren Markteintritt in das [SP]aa[SP]-Segment, das den jeweiligen Entscheidern mit den Argumenten eines steigenden ‚Kosten- und Rechtfertigungsdruckes‘ in den Bibliotheken nahegebracht wird.

Offene Fragen bleiben:

  • Kann das Cloud-System mit den derzeitigen Systemen und ihren Anpassungen an die Erfordernisse der jeweiligen Bibliotheken mithalten? Was wird ‚Basis-Funktionalität‘ sein und wieviel an derzeit real existierenden ‚betriebsrelevanten‘ Funktionalitäten werden fehlen oder ‚an die Kunden durch den App-Baukasten outgesourced‘. Zentral scheint mir hier der Satz von Herrn Diedrichs zu sein:

Open Source ist zu prüfen, da „ohnehin alle Systeme künftig ein erhebliches Engagement der Anwender erwarten“

  • Was ist von den versprochenen Schnittstellen zu halten, um ‚Apps‘ für das jeweilige Cloudsystem zu erstellen? Sind diese“vollständig“, sinnvoll nutzbar, performant und frei (an Kunden derselben Cloud) weiterverteilbar oder sind Behinderungen durch die Hersteller zu erwarten, um potentielle Konkurrenz-Apps zu eigenen Produkten zu erschweren – ala Apple App Store. Auch die Erfahrungen mit SLNP und XSLNP oder die Kopplung von Discovery Indexen an den Einsatz/Kauf der Portal-Software des zugehörigen Herstellers bleiben hier unschön in Erinnerung.
  • Wie „frei“ und manövrierfähig werden Bibliotheken/Verbünde bei ihren Entscheidungen in der Cloud noch sein? Wie sieht es z.B. mit der Kombinierbarkeit von lokalen, eigenen und Dritt-Produkten aus? Oder werden die Bibliotheken in der Cloud ihrers jeweiligen Anbieters eingeschlossen sein? Auch dies hat Herr Diedrichs treffend auf den Punkt gebracht:

„before you get in, ask how to get out“

  • Wie ändert sich die Stellung der Bibliotheken und Verbünde? Von ihrer Grundkonzeption ist die jeweilige (Hersteller) Cloud „der Verbund“ und jeglicher deutscher Bibliotheksverbund wäre in voller Konsequenz obsolet. Dies ließe sich aber wohl eher nicht von den Herstellern durchsetzen. Also gibt es das arbiträre Konstrukt ‚lokaler Cloud-Knoten‘, um deren Hosting nun die Verbünde wetteifern dürfen – und damit selbst den Weg in Richtung (Hersteller)Cloud weiter forcieren. Hinzu kommt die Aussicht auf die Programmierung von Verbund-Apps, mit denen die Verbünde dann ihre Existenzberechtigung sichern könn(t)en.
  • Welchen Einfluss haben die deutschen Bibliotheken und Verbünde in einer multinationalen Cloud auf deren (Weiter-)Enwicklung, z.B. bzgl. lokaler Besonderheiten/Erfordernisse – oder werden sie in der Masse aller teilnehmenden Bibliotheken plus Eigeninteressen des Anbieters untergehen?
  • Wem gehören die Informationen, Titelaufnahmen usw., die von einer einzelnen Bibliothek in das Cloud-System eingegeben wurden – sei es durch Neuaufnahme oder Ansigeln? Kann diese ihren kompletten Bestand wieder herausziehen und z.B. als Open Data unter CC0 bereitstellen, oder werden die Daten bereits in der Cloud selbst „vergemeinschaftet“ und dort damit eingeschlossen?
  • Wie sieht es mit dem Datenschutz bei einem externen Anbieter in der Cloud aus? Reicht eine einfache vertragliche Zusicherung oder ist diese letztlich nur pro forma, wenn sie z.B. durch „höherliegende“ Interessen wie den „Patriot act“ ausgehebelt werden kann. Nach dem Motto „Sage mir was Du liest und ich sage Dir, ob Du einreisen darfst“.
  • Was ist mit Cloud-Lösungen jenseits der Hersteller-Clouds? Macht es Sinn stattdessen z.B. auf eine nationale Open Source Cloud zu setzen, die eine bereits bestehende Open Source Lösung auswählt und bei denen die Verbünde arbeitsteilig die noch fehlenden Funktionalitäten hinzuentwickeln. Eine komplette Neuentwicklung als „deutscher Sonderweg“ wäre sicherlich nicht zielführend. Könnte eine solche Lösung eventuell ‚offener‘ und ‚flexibler‘ als die Hersteller-Clouds sein? Bis dato fließt das Know How der deutschen Bibliothekslandschaft fast ausnahmslos in Form von Anforderungsbeschreibungen, Pflichtenheften usw. zu den etablierten Herstellern, deren Produkte davon profitieren. Wäre es nicht an der Zeit dieses Know How selbst zu nutzen und umzusetzen?

Vor dem Hintergrund dieser offenen Fragen sollte bald eine Postitionierung erfolgen.

A Diese kann auch ein Votum für eine kommerzielle Cloud-Lösung sein. Dann jedoch gilt es sich dort konsequent einzubringen (falls überhaupt möglich), um schon bestehende „must-haves“ in die jeweilige Cloud-Lösung herüber zu retten.

B Anderenfalls muss den Herstellern unmissverständlich klargemacht werden, dass sie keine Kunden für ihr Cloud-Produkt bekommen und eine Abkündigung ihrer konventionellen Produkte zurückgenommen werden muss.

C Ebenso könnte durch Kooperation im OpenSource-Bereich (s.o.) ein geeignetes Produkt entsprechend den konkreten Anforderungen ‚fit‘ für einen Produktionsbetrieb gemacht werden.

Noch ist zu allem Zeit. Eine Nicht-Positionierung jedoch ist de-facto eine Entscheidung für A und der Umstieg darauf wäre später potentiell alternativlos.