Genau so einen Eindruck kann man bekommen, wenn man Dörte Böhners Blog-Artikel Ein (kleines) DRM-Missverständnis-Grummel-Posting liest. Genüsslich werden Breitseiten gegen „schwarz-weiss-denkende“ DRM-Gegner geschossen:

DRM – Defective by Design – mit diesem Slogan operieren Gegner des Digital Right Mangaments (DRM) sehr gerne. Übersetzt wird DRM auch ganz gerne mit Digital Restriction Management. Ach liebe DRM-Gegner, Einfallsreichtum alleine kann das Unverständnis für das, was Digital Rights Management ist, nicht überdecken.[…]Bitte einmal laut aufschreien, DRM-Gegner!

Und die Probleme des Käufers – sorry – Lizenznehmers? Sind halt leider eben da. Lediglich hartes DRM (technische Einschränkungen) wird ansatzweise im Rahmen der Nutzungshürden problematisiert, weiches DRM (Wasserzeichen) sei sowiso breit akzeptiert. Ich bin schon etwas erschrocken so eine Argumentation aus bibliothekarischen Fach-Kreisen zu hören, wo dort doch der ungehinderte („un“restricted) Zugang zu Informationen immer gefordert wurde.

Wenigstens werden nicht wieder die alten Kamellen der DRM-Befürworter durchgekaut, wie „Und wer denkt denn an die Künstler?“. Um es klar zu sagen – Werkschaffende sollen angemessen entlohnt werden. Typischerweise wird das Problem deren gerechter Entlohnung aber auf die potentiellen Käufer/Tauschbörsennutzer übertragen, und nicht – wie die DRM-Gegner immer wieder betonen – auf die Verteilungsseite der bestehenden Einnahmen. Ich sage nur Total-Buy-Out-Verträge oder Wissenschaftliches Publizieren hinter Pay-Walls.

Abnehmende Umsätze im CD-Bereich haben laut Rechteinhabern maßgeblich ihre Ursache in den Tauschbörsen. Dass, anders als in meiner Generation, das vorhande Geld eben nicht mehr nur in Musik auf LP/CD’s gesteckt wird, sondern sich auf alle möglichen Konsumgüter verteilt – vom Smartphone, Tablet, Mobilfunkverträge, DSL, CD’s, DVD’s usw. – und damit die effektiv verfügbare Menge für Musik abnimmt, wird bewusst ignoriert, Studien über vermehrte Kaufaktivitäten tauschender Nutzer sowiso.

Einseitige Gesetzgebung und Rechtsprechung

Die einschlägige Gesetzgebung folgt hier ganz klar den Rechteinhabern: Vom nicht vorhandenen Internetanschluss raubkopiert? Schuldig (zweitinstanzlich inzwischen aufgehoben, aber wer weiss). Zugriff auf Klarnamen zur IP-Adresse nur bei schweren Straftaten (Vorratsdatenspeicherung)? Egal. Als Eindruck bleibt: Der Rechteinhaber bekommt vor Gericht immer seinen Willen.

Die Politik versucht zwanghaft in Form der Statuierung von immer neuen Exempeln des Problems Herr zu werden. Ich möchte aber meinen: Zu welchem Preis? Die USA zeigen, wohin die Reise geht: Existenzvernichtung für wie auch immer überführte Tauschbörsennutzer. Anders kann ich Strafen von 25.000 bis 250.000 US$ – pro Song/Film – nicht interpretieren.

Das nimmt inzwischen schon skurrile Züge an. Heutzutage wird ein Tauschbörsennutzer, der Lieder von Michael Jackson tauscht härter bestraft (in Deutschland bis zu 5 Jahre Haft, in den USA mehr), als der Arzt, der für seinen Tod rechtskräftig verurteilt wurde (4 Jahre Haft). Noch Fragen? Die Relationen stimmen einfach nicht mehr.

Welche allgemeinen Risiken und Nebenwirkungen resultieren für den ehrlichen Käufer bezogen auf DRM in diesem Umfeld?

Als ausschließlicher Linux-Anwender sieht die Konsumwelt für mich durch hartes DRM bereits deutlich eingeschränkter aus. E-Books laufen hierzulande meist ausschließlich über Adobe Digital Editions, für das es keine Linux-Version gibt. Onleihe ebenso. Diverse Anbieter gestatten den Download von legal erworbener Musik nur durch Windows-only Download-Programme. Streaming-Dienste funktionieren nur mit Silverlight-DRM-Erweiterungen, Moonlight unter Linux muss wieder passen. Dazu kommen die bekannten Nutzungseinschränkungen (Verleih an Freunde, Verkauf, Vererben, …), und das auch noch bei Preisen, die nahe bei den Preisen der „physikalischen Voll-Version“ (Soft/Hardcover oder CD/DVD) liegen.

Warum sollte ich für eine digitale Version ähnlich viel Geld ausgeben wie für die physikalische Voll-Version, kann aber nur einen Bruchteil damit machen? Wenn beim Versuch der Rettung des analogen Geschäftsmodells die Technik nur noch dazu degradiert wird, die „Fehler“ des analogen Mediums (eben Verleih, Verkauf, Vererben) auszumerzen und damit den zahlenden Kunden zu übervorteilen, dann zeugt das nicht gerade von Weitsicht, sondern Stillstand.

Anders sähe es sicherlich bei einer angepassten Preisgestaltung aus im Sinne: „You pay for what you get“. Das wären dann Preise von maximal 2 bis 4 EUR pro E-Book, Musik-Album oder Film. So ein System kann funktionieren, wie es im Spielebereich Steam mit seinen Rabattaktionen zeigt. Die konsequente Fortführung des Lizenzensierungsgedankens mündet IMHO damit aber zwangsläuftig in all-you-can-hear-or-see Flatratemodellen wie Spotify, Watchever, Lovefilm, Maxdome usw. bei entsprechend nach unten angepassten Preisen. Unabhängig davon bleiben die grundsätzlichen Nachteile von „lizensieren“ vs. „besitzen“.

Dem Schlagwort ‚Defective by Design‘ möchte ich noch hinzufügen ‚Obsolescence by Design‘. Der Rechteinhaber kann de-facto technisch entscheiden, wie lange ein bezahlter Inhalt nutzbar ist. Schaltet der Rechteinhaber seine Lizenz-Server (z.B. wie Microsoft mit Zune)  oder Spiele-Server (z.B. XBox-Live für XBox der 1. Generation) ab, dann kann die Beschränkung bis zur Nicht-Benutzbarkeit bezahlter Inhalte führen. Gerade im Spielebereich mit Online-Zwang et al greift diese Benachteiligung des Nutzers immer weiter um sich. Jenseits der PC-Spiele wird wohl auch die nächste Konsolengeneration (XBox 720 bzw. PS4)  eine Abwärtsspirale der Nutzer-Rechte mit sich bringen. Das ist ganz klar im Sinne der Anbieter, aber eben nicht der Käufer.

Weiches DRM – alles besser?

Dörte Böhner bemerkt zu weichem DRM:

Die Teile des DRM, die uns helfen, rechtssicher und urheberrechtskonform zu handeln, mit denen können wir leben. Kein Mensch stört sich heute mehr daran, dass in den MP3s von Apple oder Amazon Wasserzeichen eingebettet sind, die das Auffinden von Urheberrechtsverletzern vereinfachen sollen.

Als dankbarer Käufer, der dann in Einzelfällen mal gerade nicht durch hartes DRM gegängelt wurde, sah ich das früher ähnlich und habe dementsprechend auch oft zahlend zugegriffen: E-Books von O’Reilly, MP3-Alben von Amazon/Saturn, Musik-Abo bei eMusic, E-Paper-Abo bei der Zeit. Inzwischen sehe ich die Konsequenzen von weichem DRM – gerade im oben skizzierten Gesamtkontext – aber als potentiell gefährlich an.

Denn dadurch wird dem zahlenden Kunden eine nicht zu vernachlässigende Sorgfaltspflicht aufgehalst, die es z.B. beim rippen einer legal erworbenen CD nicht gibt. Wenn die legal gekauften MP3-Dateien irgendwie ihren Weg ins Netz finden, dann ist man dran – und das nicht zu knapp.  Das klingt erstmal unspektakulär und vielleicht abwegig, was aber, wenn der eigene MP3-Player, das Smartphone, das Tablet irgendwo vergessen oder gar gestohlen wird? Wie weit kann ich meinen Kindern vertrauen, dass sie ihren MP3-Player nicht irgendwo liegen lassen – oder vom Familienrechner „betanken“? Vor diesem Hintergrund ist hartes DRM plötzlich sogar wieder wünschenswert, wenn es denn technisch funktionieren würde…

Inzwischen kaufe ich grundsätzlich keine digitalen Inhalte mehr, sondern nur noch die physikalische Voll-Version. Ebenso sind alle digitalen Abo’s abbestellt. Letztlich muss aber jeder selbst sein individuelles Fazit – gerade im Bereich Risiken und Nebenwirkungen –  in Sachen DRM ziehen. Die „Schmerzgrenzen“ sind hier sehr unterschiedlich – wenn man sich denn überhaupt Gedanken über die Problematik gemacht hat. Ich als technikbegeisterter Käufer bin jedenfalls sehr ernüchtert, und mache das einzig mögliche, wenn es schon politisch und gesetzgeberisch nichts positives zu erwarten gib und es wohl nur noch schlimmer als legaler Konsument wird: Ich stimme mit meinen Füßen und meinem Geldbeutel ab und verzichte ggf. auf Konsum. Beim CD-Kopierschutz war das damals sehr erfolgreich. Den gibt es heutzutage fast nicht mehr…

Neben aller Kritik möchte ich Dörte Böhner ausdrücklich für ihren provokanten Artikel danken. Das Thema geht immer mehr Nutzer an und muss deutlich breiter diskutiert werden.

Update:

Inzwischen hat Dörte Böhner einen zweite Teil rund um DRM nachgeschoben, diesmal aus Sicht eines DRM-Gegners. Ihrer Analyse von DRM, allgemein sowie speziell bezogen auf die Verlagswelt und Bibliotheken ist von meiner Seite vollständig zuzustimmen. Gut, dass dadurch mein Schreck über den ersten Artikel wieder verflogen ist 🙂